Warum Facebook & andere Social Media-Plattformen nicht automatisch schlecht für unsere Psyche sind

Warum Facebook & andere Social Media-Plattformen nicht automatisch schlecht für unsere Psyche sind

Viele Umfragen zeigen, dass besonders aktive Social Media-User eher Probleme mit Angstzuständen, Depressionen und Schlafproblemen haben. Zeitungen interpretieren diese Korrelation oft kausal und zeichnen ein erschreckendes Bild, in dem soziale Medien die Schuld für große und anhaltende psychische Probleme tragen.


Wenn man jedoch tiefer gräbt, stellt man fest, dass Vergleiche zwischen Personen mit unterschiedlichem Grad der Nutzung sozialer Medien widersprüchliche Ergebnisse liefern können - je nachdem, wie man die Daten betrachtet, erhält man eine andere Perspektive. Umfragen, die Personen über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgen, legen nahe, dass die Beziehung wechselseitig ist (Depression und Social-Media-Nutzung gehen Hand in Hand), und die Social-Media-Nutzung sagt nur eine geringe Veränderung des Wohlbefindens im Laufe der Zeit voraus.
Große und glaubwürdige experimentelle Studien haben herausgefunden, dass die Beendigung der Facebook-Nutzung eine positive, aber geringe kurzfristige kausale Auswirkung auf das Wohlbefinden hat, die nur bei einigen spezifischen Ergebnismessungen nachweisbar ist.

Die pauschalen Zeitungsschlagzeilen müssen also kritisch hinterfragt werden. Es gibt viel darüber zu lernen, wie man diese komplexen digitalen Plattformen besser nutzen kann, aber dafür brauchen wir mehr granulare Daten, um die unterschiedlichen Auswirkungen bestimmter Arten von Inhalten auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zu entschlüsseln.

 

Warum die pauschale Verurteilung von Social Media falsch ist


Die meisten Nachrichten, in denen behauptet wird, dass sich soziale Medien negativ auf das Wohlbefinden auswirken, stützen sich auf Daten aus Umfragen, in denen Personen mit unterschiedlichem Grad der Nutzung sozialer Medien verglichen werden, als Beweis. In der folgenden Grafik wird ein konkretes Beispiel für diese Art von Korrelationsanalyse gezeigt.

 



Das Diagramm stellt die durchschnittliche Zeit dar, die Menschen täglich mit sozialen Medien verbringen, und zwar bei Personen, die mit der Zeit, die sie auf diesen Plattformen verbringen, zufrieden und unzufrieden sind.

Die Daten stammen von einer App namens Moment, die die Zeit aufzeichnet, die Nutzer auf ihren Smartphones mit Social-Media-Plattformen verbringen. Die App stellt den Leuten auch eine Ja/Nein-Frage: "Sind Sie mit Ihrer verbrachten Zeit zufrieden?"

Wie wir sehen können, gibt es eine ziemliche Heterogenität zwischen den Plattformen, aber das Muster ist klar: Menschen, die sagen, dass sie mit der Zeit, die sie auf sozialen Medien verbringen, zufrieden sind, verbringen weniger Zeit auf diesen Plattformen. Oder anders ausgedrückt: Eine stärkere Nutzung sozialer Medien korreliert mit einer geringeren Zufriedenheit.

Das ist sicherlich interessant, aber wir sollten vorsichtig sein, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen - die Korrelation wirft eigentlich genauso viele Fragen auf, wie sie beantwortet.

Bleibt dieses Muster bestehen, wenn wir für Benutzermerkmale wie Alter und Geschlecht kontrollieren? Würden wir ähnliche Ergebnisse erhalten, wenn wir uns auf andere Maße des Wohlbefindens konzentrieren würden, die über die "Zufriedenheit mit der verbrachten Zeit" hinausgehen?

Die Antwort auf beide Fragen ist "Nein". Je nachdem, auf welche Ergebnisvariablen Sie sich konzentrieren, und je nachdem, welche demografischen Merkmale Sie berücksichtigen, erhalten Sie ein anderes Ergebnis. Es ist daher nicht überraschend, dass einige empirische akademische Studien negative Korrelationen gefunden haben, während andere sogar von positiven Korrelationen berichten.

Amy Orben und Andrew Przybylski veröffentlichten Anfang des Jahres eine Arbeit in der Zeitschrift Nature, in der sie aufzeigten, dass Wissenschaftler angesichts der Flexibilität bei der Analyse der Daten (d. h. angesichts der Anzahl möglicher Optionen, die Forscher haben, wenn es um die Verarbeitung und Interpretation der riesigen Daten aus diesen großen Umfragen geht) Tausende von Arbeiten hätten schreiben können, die positive, negative und nicht signifikante Zusammenhänge beschreiben. Unterschiedliche Methoden zur Messung des Wohlbefindens und der Nutzung sozialer Medien führen zu unterschiedlichen Ergebnissen, sogar für dieselbe Population.

Selbst die Antworten auf einige der grundlegendsten Fragen sind unklar: Wissen wir eigentlich, in welche Richtung die Beziehung gehen könnte? Führt die häufige Nutzung sozialer Medien zu geringerer Zufriedenheit oder ist es umgekehrt - neigen ängstliche, gestresste oder depressive Menschen besonders zur Nutzung sozialer Medien?

Studien führen zu unterschiedlichen Ergebnissen


In den USA, wo viele dieser Studien durchgeführt wurden, beziehen etwa zwei Drittel der Menschen Nachrichten aus sozialen Medien, und diese Plattformen sind bereits zu einer häufiger genutzten Nachrichtenquelle geworden als Printzeitungen. Der Zusammenhang zwischen sozialen Medien, Nachrichtenkonsum und Wohlbefinden ist entscheidend.

In ihrem Experiment fanden Allcott und Co-Autoren heraus, dass das Verlassen von Facebook nicht dazu führte, dass die Menschen alternative Online- oder Offline-Nachrichtenquellen nutzten; die Teilnehmer der Behandlungsgruppe gaben also an, insgesamt weniger Zeit mit dem Konsum von Nachrichten zu verbringen. Dies zeigt uns, dass der Effekt von sozialen Medien auf das Wohlbefinden nicht nur relativ gering ist, sondern wahrscheinlich auch durch die spezifischen Arten von Inhalten und Informationen vermittelt wird, denen die Menschen ausgesetzt sind.

Die Tatsache, dass der Nachrichtenkonsum über soziale Medien ein wichtiger Faktor sein könnte, der das Wohlbefinden beeinflusst, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Nachrichten in der Regel negative Inhalte enthalten und es empirische Untersuchungen gibt, die darauf hindeuten, dass Menschen auf physiologischer Ebene getriggert werden, wenn sie negativen Nachrichteninhalten ausgesetzt sind.

Der Aufbau und die Verstärkung einer beängstigenden übergreifenden Erzählung über "die schrecklichen negativen Auswirkungen sozialer Medien auf das Wohlbefinden" ist nicht hilfreich, da dies verkennt, dass soziale Medien ein großes und sich entwickelndes Ökosystem sind, in dem Milliarden von Menschen interagieren und Informationen auf viele verschiedene Arten konsumieren

Was sind die wichtigsten Schlussfolgerungen?

Die erste Erkenntnis ist, dass der Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Wohlbefinden komplex und wechselseitig ist, was bedeutet, dass einfache Korrelationen irreführend sein können. Eine sorgfältige Analyse der Umfragedaten zeigt, dass es zwar eine Korrelation zwischen sozialen Medien und Wohlbefinden gibt, aber die Beziehung funktioniert in beide Richtungen. Dies wird in den Längsschnittstudien deutlich: Eine höhere Nutzung sozialer Medien sagt eine Abnahme der Lebenszufriedenheit voraus; und eine abnehmende Lebenszufriedenheit sagt auch eine nachfolgende Zunahme der Nutzung sozialer Medien voraus.

Die zweite Erkenntnis ist, dass der kausale Effekt von sozialen Medien auf das Wohlbefinden für die durchschnittliche Person wahrscheinlich gering ist. Die besten empirischen Belege deuten darauf hin, dass der Einfluss viel geringer ist, als viele Nachrichtenberichte vermuten und die meisten Menschen glauben.

Es gibt viel darüber zu lernen, wie man diese digitalen Plattformen besser nutzen kann, und es gibt eine wichtige Diskussion über die Opportunitätskosten, die entstehen, wenn wir einen großen Teil unserer Zeit online verbringen. Aber dafür müssen wir über die pauschalen Zeitungsschlagzeilen hinausschauen.

Wir brauchen Untersuchungen mit detaillierteren Daten, um die verschiedenen Nutzungsmuster zu entschlüsseln und die unterschiedlichen Auswirkungen zu verstehen, die bestimmte Arten von Inhalten auf bestimmte Bevölkerungsgruppen haben. Zeit allein ist eine schlechte Metrik, um Effekte zu messen. Wie Andrew Przybylski es ausdrückte: Niemand würde auf die Idee kommen, die Ursachen von Fettleibigkeit allein anhand der täglichen "Essenszeit" zu untersuchen.

In Zukunft sollte sich die Diskussion in der Politik und in den Nachrichten viel mehr um Strategien zur Förderung positiver Inhalte und bewusster Interaktion drehen, als um pauschale Beschränkungen der "Bildschirmzeit" von sozialen Medien.

 

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Quelle: Vielen Dank an Our World in Data und Esteban Ortiz-Ospina für die tolle Aufarbeitung dieses Themas.


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